Das Jahr 1938 in Österreich

Portrait von Dr. Kurt Schuschnigg © Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Geplante Volksbefragung des autoritären österreichischen Regimes

12. Februar

Adolf Hitler drohte Bundeskanzler Kurt Schuschnigg bei einem Treffen in Berchtesgaden mit dem Einmarsch. Schuschnigg gab dem Druck nach und unterzeichnete ein Abkommen: Der Nationalsozialist Arthur Seyss-Inquart wurde Innenminister, inhaftierte NationalsozialistInnen kamen frei und durften legal in der Einheitspartei Vaterländische Front politisch tätig sein.

9. März

Schuschnigg kündigt angesichts des wachsenden Einflusses der Nationalsozialisten die Abhaltung einer Volksbefragung für „ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich“ für den 13. März an. Diese kurzfristig angesetzte Abstimmung sollte Hitlers Pläne durchkreuzen. Ein positiver Ausgang wäre ein Signal für ein unabhängiges Österreich gewesen. Die Chance dafür bestand, da auch die verbotene sozialdemokratische und kommunistische Opposition zur Unterstützung bereit war.

10. März

Hitler reagierte auf die angekündigte Volksabstimmung mit der Mobilmachung der deutschen Wehrmacht und setzte Österreich ein Ultimatum: Absage der Befragung oder Einmarsch!

11. März

Hitler forderte den Rücktritt Schuschniggs. Österreichische Nationalsozialisten besetzten Teile des Bundeskanzleramts. Am Nachmittag sagte Schuschnigg die Volksbefragung ab. Wenige Stunden später verkündete er seinen Rücktritt in einer Rundfunkrede, die er mit den Worten „Gott schütze Österreich“ schloss. Bundespräsident Wilhelm Miklas vereidigte nach längerem Zögern und unter massivem Druck den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart zum Bundeskanzler.
Noch am selben Abend gab Hitler unter dem Decknamen „Operation Otto“ den Befehl zum Einmarsch in Österreich.

Einfahrt vom Praterstern (mit Tegetthoff-Denkmal) in die Praterstraße, Kamerastandpunkt etwa bei der Novaragasse © Bundesarchiv, Bild 146-1972-028-14 / CC-BY-SA

Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich

12. März

65.000 Mann der deutschen Wehrmacht und Polizei marschierten in Österreich ein. Sie wurden von der Bevölkerung teilweise mit Jubel empfangen. Am Nachmittag überschritt Hitler in seiner Geburtsstadt Braunau die Grenze. Am Abend traf er mit Seyß-Inquart zusammen, um die bereits erfolgte Annexion auch staatsrechtlich zu vollziehen.

13. März

Die österreichische Regierung beschloss das im Auftrag Hitlers ausgearbeitete „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“. Bundespräsident Miklas weigerte sich, das Gesetz zu unterschreiben und trat zurück. Seyß-Inquart unterzeichnete es als nunmehriges Staatsoberhaupt. Der Staat Österreich bestand nicht mehr!

15. März

Hitler hielt auf dem Heldenplatz vor zehntausenden Menschen eine Rede und verkündete „den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“.

In den folgenden Tagen verhafteten Nationalsozialisten über 70.000 Menschen – vorwiegend Politiker der österreichischen Einheitspartei Vaterländische Front, SozialistInnen, KommunistInnen und antinazistische Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur sowie Juden. Viele wurden wieder freigelassen, mehrere Tausend blieben in Haft.

Noch im März fanden erste so genannte „wilde Arisierungen“ (spontane gesetzwidrige Enteignungen) statt: Mitglieder der NSDAP stürmten Wohnungen jüdischer Familien, plünderten und beschlagnahmten Wertgegenstände, nahmen Geschäfte und Betriebe jüdischer BürgerInnen einfach in Besitz oder kauften sie durch Erpressung zu einem Spottpreis ab. HistorikerInnen bezeichnen diese gewaltsamen Übergriffe als „Anschluss-Pogrom“.

In diesen ersten Tagen der NSHerrschaft in Österreich gab es Viele, die jubelten und vom Nationalsozialismus begeistert waren. Es gab aber auch zahlreiche Menschen, die Angst hatten, dem Terror der Nationalsozialisten ausgesetzt waren, aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Alfons Gorbach, Karl Maria Stepan und Oberst Franz Zelburg (v. r. n. l.) im KZ Dachau. Gorbach (vor 1938 Landesrat in der Steiermark und nach 1945 Mitglied des Nationalrates und 1962–1964 Bundeskanzler) und Stepan (vor 1938 Landeshauptmann der Steiermark) waren – mit kurzen Unterbrechungen – bis 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert. © DÖW

Erste Österreicher werden ins KZ Dachau gebracht

1./2. April

Eine erste Gruppe österreichischer Gefangener aus Wien wurde in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Es waren vor allem Vertreter des autoritären Regimes aus Politik, Polizei und Justiz, Juden, Sozialisten und Kommunisten.

7. April

Adolf Hitler nahm persönlich den Spatenstich zum Bau der Reichsautobahn (Westautobahn) am Walserberg bei Salzburg vor. Das Versprechen der Schaffung von Arbeitsplätzen durch Großbauvorhaben sollte gute Stimmung für ein Ja zur Annexion bei der kommenden Volksabstimmung erzeugen. Geplant waren 1100 km Autobahn, tatsächlich gebaut wurden nur wenige Kilometer.

Plakat zur Volksabstimmung am 10. April 1938 © DÖW

Volksabstimmung

10. April

Volksabstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich. In den Tagen davor erzeugten die Nationalsozialisten mit einer österreichweiten Propagandaoffensive den Eindruck, alle seien für den „Anschluss“. Der Stimmzettel für die Volksabstimmung war manipulativ gestaltet und die Aufforderung „Dein Kreuz gehört in den großen Kreis, der mit Ja überschrieben ist.“ machte deutlich, dass das NS-Regime kein „Nein“ akzeptieren und keine freien Wahlen (LINK zum Thema Wahlen) durchführen wollte. Bei der Abstimmung sorgten WahlhelferInnen der NSDAP für zusätzliche Einschüchterung. 8% der wahlberechtigten ÖsterreicherInnen (Jüdinnen und Juden sowie verhaftete politische GegnerInnen) waren von der Wahl ausgeschlossen. Die Abstimmung endete mit 99,75% Ja-Stimmen für den „Anschluss“.

Postkarte zur Volksabstimmung, 1938

13. Mai

Hermann Göring, beauftragt, die deutsche Wirtschaft kriegsbereit machen, eröffnete mit einem Spatenstich die nach ihm benannten Stahl-Werke in Linz (heute Voestalpine). Am selben Tag gab Hitler den Bau der Nibelungenbrücke in Linz in Auftrag, die diesen Namen noch heute trägt.

Zur Deportation gezwungene Juden beim Aufladen ihrer Gepäckstücke Wien 2, Kleine Sperlgasse © DÖW

Einführung der Nürnberger Gesetze

20. Mai

Die sogenannten Nürnberger Gesetze (Reichsbürgergesetz, Blutschutzgesetz, Reichsflaggengesetz) wurden in Österreich rechtswirksam. Diese Gesetze bildeten – wie schon in Deutschland seit 1935 – die Grundlage für die Ausgrenzung und Verfolgung all jener, die nicht als Mitgieder der sogenannten „Volksgemeinschaft“ galten. So z.B. war es Jüdinnen und Juden verboten, bestimmet Berufe auszuüben (Rechtsanwalt, Arzt, öffentliche Ämter, etc.), wurden jüdische Kinder von ihren bisherigen Schulen verwiesen. Die Folge war der Ausschluss der Jüdinnen und Juden aus Wirtschaft und sozialen Leben.

Bau des Konzentrationslagers Mauthausen

8. August

300 vorwiegend österreichische Häftlinge wurden aus dem KZ Dachau nach Mauthausen überstellt. Mauthausen galt ab diesem Zeitpunkt als Konzentrationslager. Schon im Mai war die Arbeit im großen Granitsteinbruch unter der Leitung der SS (Abkürzung für Schutzstaffel, ein militärischer Verband der nationalsozialistischen Partei) mit Zivilarbeitern begonnen worden. Bis 1945 wurden etwa 200.000 Personen in das KZ-Mauthausen deportiert. Die Häftlinge mussten beim Lageraufbau und in den Steinbrüchen arbeiten. Misshandlungen, Bestrafungen, Krankheiten, ständiger Hunger und die Allgegenwart des Todes bestimmten den „Alltag“ im Lager und auf den Arbeitsstätten.

Kardinal Innitzer vor seinem Portrait, das 1938 von der HJ zerstört wurde. © Diözesanarchiv Wien

Rosenkranzfest – erste spontane Widerstandsbekundung

7. Oktober

Mehrere Tausend katholische Jugendliche kamen zur traditionellen Andacht der Jugend zum Rosenkranzfest in den Stephansdom in Wien. Kardinal Theodor Innitzer hielt eine Predigt, die deutlich gegen Hitler und die kirchenfeindliche Haltung des nationalsozialistischen Regimes gerichtet war.
Nach der Messe sammelten sich die Jugendlichen vor dem Erzbischöflichen Palais zu einer friedlichen Demonstration, die von Polizei und Gestapo (Abkürzung für geheime Staatspolizei) aufgelöst wurde. Einige Teilnehmer wurden verhaftet.
 Tags darauf drangen Mitglieder der HJ in das Erzbischöfliche Palais ein und verwüsteten es.

Brennende Synagoge, Wien 2, Große Schiffgasse 8 © DÖW
Source: Das Jahr 1938 in Österreich

Novemberpogrome

9./10. November

Im gesamten Deutschen Reich finden antijüdische Pogrome statt, auch in Wien und den österreichischen Bundesländern. Unter der Führung von Mitgliedern der SA (Abkürzung für Sturmabteilung, Ordnungstruppe der NSDAP) und SS (vgl. 8. August – Mauthausen) stürmten Nationalsozialisten und Sympathisanten jüdische Einrichtungen. Sie fuhren mit Lastautos durch die Straßen, plünderten, zerstörten, brandschatzten und fingen Männer und Frauen, die sie für Juden hielten, zusammen. Allein in Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser verwüstet und in Brand gesteckt, tausende Geschäfte und Wohnungen jüdischer BürgerInnen zerstört, Familien verhaftet. 
In Anspielung auf die zahlreichen geborstenen Fensterscheiben bezeichneten die Nationalsozialisten die Terroraktion zynisch als „Reichskristallnacht“.

Anschluss Österreichs

VorgeschichteDeutschland und die Ostmark: Die Anschluss Österreichs

Durch Napoleon aufgefordert, akzeptierte Franz II. dessen Bedingungen und nahm 1804 „für Uns und Unsere Nachfolger den Titel und die Würde eines erblichen Kaisers von Österreich“ an. Das war das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das 1806 formal bestätigt wurde. Mithin waren die deutschen (heute oft: deutschsprachigen) Erbländer Österreichs (sowie die Länder der Böhmischen Krone) und die übrigen Staaten, die sie verbanden, geteilt: So entstand 1815 auf dem Wiener Kongress als neue politische Verbindung der Deutsche Bund. Dieser lose Zusammenschluss von 41 deutschen Einzelstaaten wurde jedoch den Bestrebungen nach einem einheitlichen Staat nur unzureichend gerecht.

Infolgedessen entstanden zur Erreichung dieses Zieles unterschiedliche Lösungsansätze: einerseits die Großdeutsche Lösung, ein neuer, stark föderalistischer deutscher Gesamtstaat unter Führung des Hauses Habsburg, des historischen römisch-deutschen Kaiserhauses, einschließlich der deutschen Länder des Kaisertums Österreich (was bedeutet hätte, dass die Donaumonarchie der Habsburger durch die deutsche Außengrenze geteilt worden wäre) – und andererseits die sogenannte kleindeutsche Lösung unter der Hegemonie des Königreichs Preußen.

Vom Einbezug des deutschen Teils von Österreich in einen deutschen Nationalstaat war bereits in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 die Rede. Erzherzog Johann von Österreich wurde von ihr im Sinn der großdeutschen Lösung zum Reichsverweser gewählt. Der Verfassungshistoriker Georg Waitz wandte sich in seiner Rede vom 13. März 1849 gegen die Verbindung der deutschen mit den nichtdeutschen „Nationen“ in der Habsburgischen „Gesamtmonarchie“ und meinte, dass deutschösterreichische Deputierte es als ihre Aufgabe betrachten sollten, das Erbkaisertum zu hindern, damit wenigstens für die Zukunft ein Eintritt Österreichs möglich sei.

Die kleindeutsche Lösung wurde nach den Siegen Preußens und seiner Verbündeten über Österreich im Krieg von 1866 und über das Kaiserreich Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 verwirklicht. 1871 wurde das Deutsche Reich im Schloss von Versailles bei Paris als Kaiserreich ausgerufen, der Zusammenschluss von deutschen Fürstentümern und Königreichen unter Führung Preußens, aber ohne Österreich.

Deutung der Anschlusswünsche

Friedrich Heer führte Anschlusswünsche dDer Anschluss 1938 | Geschichte | Essays im Austria-Forumer deutschsprachigen Bevölkerung der ehemaligen Habsburgischen Erblande bereits auf die Zeit der Gegenreformation zurück und sieht sie eng verknüpft mit der jahrhundertelangen politischen und religiösen Konfrontation zwischen protestantischem Norddeutschland und katholisch geprägtem, vielsprachigem Österreich, die in der Folge durch die europäischen Großmächte Preußen und die Habsburgermonarchie getragen wurde. Die Protestanten sahen im evangelischen Norden des „deutschen Reiches“ die Erlösung von der so empfundenen „Einkerkerung“ durch Papst und Kaiser. Erstes Zentrum eines eigenständigen österreichischen Nationalbewusstseins war laut Heer Wien, das von aufständischen Ländern, von Oberösterreich, Kärnten, der Steiermark, als die multikulturelle Residenz der übernationalen Habsburger bekämpft wurde. Diese These wird empirisch gestützt, indem nachgewiesen werden konnte, dass Oberösterreich zur Zeit der Bauernkriege ein Hauptwiderstandsgebiet war und Jahrhunderte später zur Zeit des NS-Putschversuchs in Wien besonders viele illegale Nationalsozialisten aktiv waren.

Anschlussbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg

Von der Nationalversammlung beanspruchtes Staatsgebiet der Republik Deutschösterreich (1918–1919)

Das Ende des Ersten Weltkrieges brachte den Untergang der k.u.k. Monarchie und zugleich das Auseinanderbrechen des überwiegend katholischen Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn. Nach Kaiser Karls I. Völkermanifest für Cisleithanien wurde am 30. Oktober 1918 der neue Staat Deutschösterreich gegründet, noch vor dem Waffenstillstand von Villa Giusti vom 3. November 1918, mit dessen Zustandekommen die Repräsentanten des neuen Staates nichts zu tun haben wollten: Vom Kaiser gefragt, nahmen sie dazu einfach nicht Stellung.

Am 22. November 1918 legte die Republik Deutschösterreich ihr (gewünschtes) Staatsgebiet fest, dessen Grenzen aber noch nicht in einem Friedensvertrag mit den Siegermächten oder von den Nachbarländern anerkannt waren. Auch Deutschböhmen und die Sudetenländer gehörten dazu, ebenso die deutschen Sprachinseln von Brünn, Iglau und Olmütz.[4]

Die Provisorische Nationalversammlung und die provisorische Deutsch-Österreichische Regierung, ein aus ihrer Mitte bestellter Vollzugsausschuss, der als Staatsrat bezeichnet wurde,[5] sahen in der staatsrechtlichen Verbindung mit dem nun ebenfalls republikanischen Deutschen Reich die einzige Möglichkeit der politischen Existenz, insbesondere, weil sich herausstellte, dass die anderen Nachfolgestaaten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie auch an einer losen Konföderation nicht interessiert waren.

Deutschösterreich und die Weimarer Nationalversammlung

Schon am 9Thüringen: 100 Jahre Weimarer Verfassung: Merkel und .... November 1918, sechs Tage nach dem Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und der Ententemacht Italien, wandte sich die provisorische Nationalversammlung an den deutschen Reichskanzler mit der Bitte, Deutschösterreich in die Neugestaltung des Deutschen Reiches einzubeziehen. Am nächsten Tag schloss sich der Landesausschuss für Deutschböhmen dieser Bitte an. Am 12. November 1918 wurde das Gesetz über Staats- und Regierungsform von der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich einstimmig unter Jubel angenommen. Sein zweiter Artikel lautete: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik“.

Die meisten aktiven Politiker hatten bis dahin in größeren Dimensionen (des bisherigen Cisleithanien) als denen eines Kleinstaates gedacht. Ihnen erschien „Restösterreich“ angesichts des Umstandes, dass wirtschaftlich bedeutende Regionen fortan nicht mehr zum Staatsgebiet gehörten, als nicht lebensfähig. Die Hungerwinter 1918/19 und 1919/20 dramatisierten diese Lebensfähigkeitsdebatte.

Dabei spielten durchaus nicht nur deutschnationale Gesinnungen eine Rolle. So fürchteten die Sozialdemokraten – wie sich später zeigte zu Recht –, im vorwiegend ländlich-konservativ geprägten Deutschösterreich politisch in die Defensive gedrängt zu werden, und erhofften die Umsetzung des Sozialismus im Rahmen der deutschen Republik. Bei den Christlichsozialen spielte hingegen die Abneigung gegen den so empfundenen Wiener Zentralismus eine nicht unmaßgebliche Rolle. Befürwortet wurde vielfach kein einseitiger Anschluss, wie er schließlich 1938 vollzogen wurde, sondern ein Zusammenschluss gleichberechtigter Bundesstaaten.

Die Deutschösterreicher waren es jahrhundertelang gewohnt, in einem imperialen Reich zu leben, und konnten sich mit dem neuen Kleinstaat nicht identifizieren. In dieser Situation wurde, psychologisch geschickt, die Behauptung lanciert und ständig genährt, dass das verhältnismäßig kleine Restösterreich wirtschaftlich nicht lebensfähig sei. Tatsächlich verblieben jedoch bedeutende Wirtschaftsbetriebe und -zweige im Land.

Die deutsche Reaktion auf das Votum der provisorischen österreichischen Nationalversammlung vom November 1918 für den Anschluss war positiv. Der Rat der Volksbeauftragten kündigte unter seinem Vorsitzenden Friedrich Ebert am 30. November 1918 in der Verordnung zu den Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung in Artikel 25 an, dass, wenn die deutsche Nationalversammlung beschlösse, Deutschösterreich seinem Wunsche entsprechend in das Deutsche Reich aufzunehmen, dessen Abgeordnete als gleichberechtigte Mitglieder der deutschen Nationalversammlung beitreten würden. Staatsangehörige Deutschösterreichs erhielten das Recht, an diesen Wahlen teilzunehmen. Das Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt, die von den Volksbeauftragten Ebert und Scheidemann vorgelegte Notverfassung, schlug bereits die ersten Maßnahmen zur Beteiligung Österreichs an der deutschen Gesetzgebung vor. Nach § 2 sollte Österreich mit beratender Stimme teilnehmen, bevor es sich dem Deutschen Reich anschließe.

Die Deutsche Nationalversammlung und ihr Verfassungsausschuss fassten im Februar und März 1919 den entsprechenden Entschluss. Eine vergleichbare Regelung wurde auch in Artikel 61 Abs. 2 der Weimarer Verfassung aufgenommen. Nach dem von den beiden Außenministern Ulrich von Brockdorff-Rantzau und Otto Bauer am 2. März 1919 unterzeichneten „Anschlußprotokoll“ sollte „Deutsch-Österreich als selbständiger Gliedstaat in das Reich eintreten“. Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerung wie Deutschböhmen und die Sudetenländer sollten „an die angrenzenden deutschen Bundesstaaten angeschlossen werden“.

Die Siegermächte kritisierten das Anschlussprotokoll als Verletzung des vom Deutschen Reich am 28. Juni 1919 akzeptierten Vertrags von Versailles und verlangten die Änderung. Dem kamen die deutschen Vertreter in einer förmlichen Erklärung vom 18. September 1919 nach: Die Verfassungsbestimmungen über Deutsch-Österreich, insbesondere betreffend „die Zulassung österreichischer Vertreter zum Reichsrat“, seien ungültig, bis ggf. der „Völkerbundsrat einer entsprechenden Änderung der internationalen Lage Österreichs zugestimmt haben wird“. Im Vertrag von Saint-Germain mit der darin statuierten Wahrung österreichischer Eigenstaatlichkeit, der im September 1919 abgeschlossen wurde, wurde dem als Nachfolger (Alt-)Österreichs anerkannten Deutschösterreich eine faktisch unüberwindbare Hürde errichtet, sich mit dem Deutschen Reich zu vereinen. Deutschland wurde im Versailler Vertrag gezwungen, den gerade beschlossenen Artikel 61 Abs. 2, der Österreich eine Anschlussoption ermöglichte, für nichtig zu erklären (siehe „Anschlussverbot“). Damit blockierten die Alliierten den Zusammenschluss Österreichs mit Deutschland auf doppelte Weise. Auf Regierungsebene wurde nun der Anschluss vorerst nicht mehr aktiv weiterverfolgt. Mit der Ratifizierung des Friedensvertrags im Oktober 1919 änderte der Staat Deutschösterreich seinen Namen wie vorgeschrieben auf Republik Österreich.

Der Anschluss blieb aber aus verschiedenen Gründen weiterhin erklärtes Fernziel, vor allem für die Großdeutsche Volkspartei, die Deutschnationale Bewegung wie auch für die Sozialdemokraten („Anschluß an Deutschland ist Anschluß an den Sozialismus“, Parole der Arbeiter-Zeitung, Zentralorgan der Partei). Auch die Christlichsoziale Partei trat politisch dafür ein.

Anschlussbestrebungen in den österreichischen Ländern

Während die Anschlussbewegung von 1918/19 noch stark von sozialistischen Politikern geprägt war, verlagerte sie sich in den folgenden Jahren in christlich-sozial und konservativ-monarchistisch dominierte Länder Österreichs, die sich vom „Roten Wien“ lossagen wollten.

Vorarlberg sprach sich in einer Volksabstimmung für den Anschluss an die alemannische Schweiz aus, was sowohl vom Schweizer Bundesrat als auch von der österreichischen Staatsregierung abgelehnt wurde.

Nach dem gescheiterten Restaurationsversuch des früheren Kaisers Karl I., der am 26. März 1921 als König von Ungarn vom Exil in der Schweiz aus nach Ungarn gereist war und versucht hatte, die Regierung wieder zu übernehmen, erstarkte vor allem in den noch monarchistisch-konservativ geprägten Bundesländern Widerstand gegen die republikanische Regierung in Wien. Mit Unterstützung aus dem benachbarten Bayern, wo die sozialistische Münchner Räterepublik zwei Jahre zuvor niedergekämpft worden war, bildeten sich in Salzburg und Tirol die ersten österreichischen Heimwehren. Diese setzten sich vehement für eine Fusion mit dem inzwischen konservativ regierten Deutschland der Weimarer Zeit ein. Selbst Monarchisten, die den Zusammenschluss früher als „jüdische Erfindung“ abgelehnt hatten, strebten diesen gemeinsam mit den Deutschnationalen offen an.

Der Tiroler Landtag ließ im April 1921 eine Abstimmung durchführen, bei der sich eine Mehrheit von 98,8 % für den Zusammenschluss aussprach. Eine am 29. Mai 1921 in Salzburg durchgeführte Abstimmung ergab eine Zustimmung von 99,3 % der abgegebenen Stimmen.

Weitere Abstimmungen wurden durch Proteste der Garantiemächte des Friedensvertrages, insbesondere der französischen Regierung, unterbunden. Für den Fall, dass weitere Bundesländer folgen sollten, wurde mit der Verhinderung von Auslandskrediten an das wirtschaftlich geschwächte Österreich gedroht. Bundeskanzler Michael Mayr (CS), der die Einstellung aller noch geplanten diesbezüglichen Abstimmungen gefordert hatte, trat am 1. Juni zurück, als der Steiermärkische Landtag ankündigte, dennoch abstimmen zu lassen. Sein Nachfolger wurde der deutschnational eingestellte, parteilose Johann Schober (zugleich Polizeipräsident von Wien), der weitere Abstimmungen verhinderte und jene, die den Zusammenschluss anstrebten, auf einen späteren, dafür günstigeren Zeitpunkt verwies.

Genfer Protokolle und Protokoll von Lausanne

Erneut bekräftigt wurde das Anschlussverbot in den Genfer Protokollen vom 4. Oktober 1922 zwischen den Regierungen Frankreichs, des Vereinigten Königreichs, Italiens, der Tschechoslowakei und Österreichs – Voraussetzung für die Gewährung von Anleihen des Völkerbundes an Österreich in Höhe von 650 Millionen Goldkronen. Gegen den Widerstand der Sozialdemokraten nahm der Nationalrat die Genfer Protokolle an; sie waren Voraussetzung für die Eindämmung der Inflation und den 1925 erfolgten Wechsel von der Kronenwährung zum Schilling.

Ein weiteres Mal war das Anschlussverbot 1932 im Protokoll von Lausanne Vertragsgegenstand, wo es eine der Bedingungen für die Gewährung einer weiteren Völkerbundanleihe war, die Österreich zur Bewältigung der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise aufnehmen musste.

Positionen der Parteien

Alle österreichischen Parteien – einschließlich der Kommunistischen Partei Österreichs, welche nach einer erfolgreichen Revolution einen Anschluss „Sowjetösterreichs“ an „Sowjetdeutschland“ forderte – waren vor 1933 grundsätzlich für die Vereinigung mit dem Deutschen Reich. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAPDÖ) zum Beispiel forderte noch 1926 im überwiegend marxistisch ausgerichteten Linzer Programm den Anschluss „mit friedlichen Mitteln“ an die Deutsche Republik. Sie strich den entsprechenden Passus jedoch „angesichts der durch den Nationalsozialismus im Deutschen Reich veränderten Lage“ auf ihrem Parteitag 1933. Die Christlichsoziale Partei (CS) wie auch die aus ihr hervorgegangene Vaterländische Front traten ebenfalls gegen den Anschluss an das „Dritte Reich“ auf.

Zur Frage des aktiven Eintretens der 1934 verbotenen österreichischen Sozialdemokratie gegen die Bedrohung Österreichs durch den Nationalsozialismus gab es im sogenannten Sozialistenprozess 1936 klare Äußerungen: Der Angeklagte Roman Felleis erklärte, die Arbeiter würden „in Zukunft nur dann für diesen Staat einstehen, wenn er wieder zur Heimstätte für ihre Rechte, für ihre Freiheit geworden ist. Gebt uns Freiheit, dann könnt ihr unsere Fäuste haben!“ Der Angeklagte Bruno Kreisky sagte im Prozess: „Nur freie Bürger werden gegen Knechtung kämpfen.

Österreich und NS-Deutschland 1933–1937

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Deutschland änderten sich die Rahmenbedingungen 1933 grundlegend. Adolf Hitler, der als gebürtiger Oberösterreicher 1925 seine österreichische Staatsbürgerschaft abgelegt hatte und 1932 im Alter von 43 Jahren deutscher Reichsangehöriger wurde, hielt sich trotz der schon 1924/25 in seinem Buch Mein Kampf niedergeschriebenen Forderung „Deutschösterreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande“ dahingehend außenpolitisch zunächst zurück. Er wollte Benito Mussolini nicht verärgern, da er ein Bündnis mit ihm anstrebte.

Am 25. Juli 1934 versuchten österreichische Nationalsozialisten unter Führung der SS-Standarte 89 den später so genannten Juliputsch gegen den diktatorischen Ständestaat, der jedoch scheiterte. Einigen Putschisten gelang es, bis in das Wiener Bundeskanzleramt vorzudringen, wo Bundeskanzler Engelbert Dollfuß durch Schüsse so schwer verletzt wurde, dass er, ohne ärztliche Hilfe gelassen, wenig später den Verletzungen erlag. Hitler bestritt die Beteiligung von deutscher Seite an dem Putschversuch. Die seit 1933 verbotene österreichische Landesorganisation der NSDAP wurde zwar weiterhin aus dem Deutschen Reich unterstützt, aber das deutsche Regime ging nun verstärkt dazu über, das politische System in Österreich mit Vertrauensleuten zu unterwandern. Dazu zählten, neben anderen, Edmund Glaise-Horstenau, Taras Borodajkewycz und Arthur Seyß-Inquart.

Nach Beginn der italienischen Aggression gegen Abessinien forderte Großbritannien im Oktober 1935 vor dem Völkerbund Sanktionen gegen Italien und betrieb in der Folge die Auflösung der Stresa-Front und der Verträge von Locarno. Mussolini wurde damit international isoliert und an die Seite Hitlers gedrängt. Für die in Österreich regierende Vaterländische Front bedeutete das den Verlust eines wichtigen Schutzherrn, da Italien der Garant für Österreichs staatliche Unabhängigkeit war.

Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, Nachfolger des ermordeten Dollfuß, musste nun nach Wegen suchen, das Verhältnis zum Deutschen Reich zu verbessern. Am 11. Juli 1936 schloss er mit Hitler das Juliabkommen. Das Deutsche Reich hob die infolge des Verbots der NSDAP in Österreich 1933 verhängte Tausend-Mark-Sperre auf, in Österreich wurden inhaftierte Nationalsozialisten amnestiert und nationalsozialistische Zeitungen wieder zugelassen.

Darüber hinaus nahm Schuschnigg Vertrauensleute der Nationalsozialisten in sein Kabinett auf. Edmund Glaise-Horstenau wurde Bundesminister für nationale Angelegenheiten, Guido Schmidt Staatssekretär im Außenministerium, und Seyß-Inquart wurde in den Staatsrat aufgenommen. 1937 folgte die Öffnung der Vaterländischen Front für Nationalsozialisten. In neu eingerichteten „Volkspolitischen Referaten“, die meist unter der Leitung von Nationalsozialisten standen, konnte die NSDAP sich neu organisieren.

Quellen:

Das Jahr 1938 in Österreich – DemokratieWEBstatt.at
Anschluss Österreichs – Wikipedia